Karolin Schmitt-Weidmann

„Transition“

Karolin Schmitt-Weidmann: Flöte


 

Marco Stroppa (*1959)         

little i für Flöte und Elektronik (1996)

    
Elvira Garifzyanova (1976)    

Aurora borealis für Flöte und Elektonik (2012/2013)

 
Karlheinz Essl (*1939)          

Sequitur für Flöte und Elektronik (2008-2010)  

 

Daniel Osorio (*1971)            

Zikkus-F für Flöte und Laptop (Elektronik) (2008) 
           
Aufführung des preisgekrönten Werkes des

1. Kompositionswettbewerbes EVIMUS 2017

 

 

Karolin Schmitt-Weidmann, Flöte
Daniel Osorio, Klangregie


Das Konzert stellt Musik des Übergangs vor, der auf verschiedene Weisen vollzogen wird. Die künstlerischen Transitionen dieser Werke beziehen sich beispielsweise auf kulturelle, ästhetische und mediale Bezugssysteme, deren Grenzen schließlich aufgelöst werden. Insbesondere die Übergänge zwischen Klangprozessen aus körperlichen und elektronischen Quellen werden in diesen Kompositionen thematisiert. Für den Flötisten sowie das Publikum werden dabei besondere Herausforderungen an die Interpretation und die Wahrnehmung gestellt, die zwischen der Fokussierung auf unterschiedliche Pole ins Oszillieren gerät.

 

Zikkus-F von Daniel Osorio stellt den Übergang zweier Kulturen in den Mittelpunkt: der südamerikanischen Aymara-Tradition mit der europäischen Avantgarde. Inspiriert wurde Osorio durch eine Erzählung von Julio Cortázar. Tief beeindruckt blieb ihm eine bestimmte Situation dieser Erzählung in Erinnerung, in der ein Mann, der in Atemnot ist, mehr Luft benötigt, um sein Ziel zu erreichen. „Den Klang seines Atems kann ich bis heute noch in meiner Vorstellung hören.” Es ist genau dieser Klang, der gleich zu Anfang erklingt und das gesamte Stück durchzieht. In der Andenmusik, die Osorio in seiner Jugend oft hörte und selbst spielte, ist der Atem ein wichtiger Aspekt. Vor allem die spezifische Atemtechnik, mit der die Aymaras die Sicus (eine Panflöte der Anden) auf 4500 Metern Höhe spielen, hat Osorio sehr geprägt. „Ich will meine musikalischen Wurzeln nie vergessen. Ich will die unbekannten Musiker aus dem Andengebiet nicht vergessen. Ich will unser Amerika nicht vergessen. Deswegen versuche ich mit den Elementen, die sich dort befinden, zu komponieren (z.B. Gedichte, Lieder, Instrumente, musikalische Denkweisen und Klänge). Die westliche Musiktradition hilft mir, meiner Musik eine Gestalt zu geben. […] Von der europäischen Musik lernte ich, wie man die Musik denkt, und von den Aymaras, wie man Musik fühlt.” In Zikkus-F gelingt Osorio die Verschmelzung der Aymara-Kultur (Klänge der Sicus und des Atems) mit der westlichen Querflöte. Die Spektral-Analyse von Klängen der Querflöte und der Sicus bilden den Ausgangspunkt für die Strukturen und Elemente und deren Verarbeitung in diesem Stück. Dabei steht der Klang des Atems im Mittelpunkt, dessen reichhaltige akustische Informationen sich besonders dazu eignen, mit dem Computer verarbeitet zu werden und dabei neue Klänge zu kreieren. „Aber der Atem hat auch eine Verbindung mit dem Mann, von dem ich schon erzählt habe: Er hatte Asthma und hieß Ernesto Guevara de la Cerna.”

 

Nordlichter waren für Elvira Garifzyanova der Titelgeber für das Stück Aurora borealis, dessen flirrende Farbtransitionen und -transformationen sich in den musikalischen Prozessen des Stückes wiederfinden lassen. Klänge entwickeln sich im Verlauf des Werkes von Flüstern und Geräuschen zu Tönen – perkussive Effekte am Anfang gehen in rhythmisch organisierte und repetitive Gruppen über. Im Verlauf der so entstehenden Spannungskurven färbt die Live-Elektronik den akustischen Flötenklang. Die polyphonen und farbenvollen Sound-Files gesellen sich somit auf orchestrale Weise zu der Flötenlinie, die variantenreich koloriert wird.

 

Den 14-teiligen Zyklus Sequitur (2008–2010) schuf Karlheinz Essl für unterschiedlichste Soloinstrumente und Live-Elektronik in Anknüpfung an die berühmten Sequenzen von Luciano Berio, dessen Ansatz er durch die Einbeziehung der Live-Elektronik erweitert. Der elektronische Kontrapunkt wird ausschließlich aus dem Input der Solostimme generiert, die somit mit sich selbst in vielfache Beziehung tritt. „Wie in einem Spiegelkabinett lösen sich die ursprünglichen Identitäten auf und erzeugen ein komplexes Beziehungsgefüge, das einen tranceartigen Sog ausübt.“

 

Marco Stroppas little i (die Aussprache entspricht auch „little eye“) wurde von einem Vers E.E. Cummings inspiriert:

 

who are you, little i
(five or six years old)
peering from some high
window;at the gold
of november sunset
(and feeling: that if day
has to become night
this is a beautiful way).

 

In diesem Werk ist die Elektronik vergleichbar zu einem ganzen Orchester, wobei ein intimes Verhältnis zwischen dem Instrumentalsolisten und unsichtbaren Klanggebern besteht, die als seine musikalischen Partner fungieren. Die Flöte und die beiden elektronischen Klangquellen bilden dabei ein imaginäres Trio. Die Architektur von little i stellt eine Bogenform dar (lent mélodique / vif rythmique / moderato percussif / vif énergique / lent harmonique). Ein besonderes Anliegen des Komponisten war zudem die Platzierung des Flötisten an vier verschiedenen Orten sowie die Disposition der sieben Lautsprecher auf der Bühne, die zum Beispiel Echoeffekte, Multiplikationen oder Separation zwischen der akustischen Flöte und den verschiedenen Klangquellen herstellen und eine große Vielfalt an Kombinationen zwischen den Teilen für Flöte solo oder Elektronik solo und den Ensemblepartien aufzeigen. Die Transition zwischen Tag und Nacht, Kind und Erwachsenem im Gedicht spiegelt sich somit auch in den vielschichtigen klanglichen Übergängen zwischen Flöte und Elektronik wieder.

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